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Kirche St. Martin zu Kleinleinungen

Am 23. Januar 2002 gegen 13.15 Uhr wurde der Turmknopf durch Herrn Wolfgang Gülle (Dachdeckermeister) aus Uftrungen in Anwesenheit von Herrn Otto Heiser, Frau Brigitte Bruder (Bürgermeisterin), Frau Dr. Inge Körber (Architektin) und Frau Edith Vogel (Pastorin) abgenommen. Aus dem Knopf wurde eine offene hölzerne Kapsel geborgen, der Deckel lag separat im Knopf. In der Kapsel selbst befanden sich mehrere gut erhaltene, aber stark durchfeuchtete Schriftstücke sowie 4 Münzen.

Die Aufzeichnungen aus den Jahren 1818/19 stammen von dem damaligen Pfarrer Christoph Friedrich August Götze. Er teilt uns mit, dass die Kirche und der Turm sich in einem "höchst baufälligen und elenden Zustande" befanden. Der herrschaftliche Bauaufseher Herr Friedrich Anton Weissenborn, gesandt durch das "Hochgräfliche Consistorium", stellte fest, dass eine Reparatur der Kirche nicht mehr möglich sei. Am 14. April 1819 wurde die Kirche komplett abgerissen. Der Grundstein für den Neubau der Kirche wurde am 1. Mai 1819 gelegt. Der Maurermeister bei dem Bau war Johann Siegmund Weissenborn, der Bruder des Bauaufsehers. Die Kirche wurde an genau derselben Stelle wieder aufgebaut, wo sie abgerissen wurde. Zu gleicher Zeit wurde auch der Turm wieder neu erstellt, damit die Glocken, welche bis dahin provisorisch an der Linde auf dem Hof angebracht waren, wieder ihren Platz einnehmen konnten. Die Bevölkerung von Kleinleinungen und den umliegenden Dörfern leisteten einen hohen Einsatz beim Kirchenbau. Dies wird ganz besonders in den Aufzeichnungen hervorgehoben. Der Graf von Stolberg/Roßla, Johann Wilhelm Christoph (als "edler Herr" bezeichnet) beteiligte sich mit einer hohen Finanzspende am Bau der Kirche. Am 20.p.Trinitatis Sonntag des gleichen Jahres wurde das neue "freundliche Gotteshaus in Gegenwart einer unglaublichen Menge Menschen" feierlich eingeweiht. Soweit einige Auszüge aus der Historie (1. Oktober 1819). Der genannte Pastor Götze wurde 1826 versetzt und starb 1848. Der Turmunterbau aus dem Mittelalter blieb uns erhalten, mit den Kreuzgratgewölbe im Altarraum. Immer wieder geben uns solche Sakralbauten Anlass, darüber nachzudenken, wie vergänglich doch alles ist. Der Mensch wird aufgefordert, solche Bauten zu erhalten. Wie schön ist es aber dann auch, wenn man solche Menschen findet, die diese Dinge zu ihrer Herzenssache machen. Dank all denen. Am 3. März haben wir uns wieder getroffen in, an und auf der 'nach oben offenen', weil noch nicht fertig gedeckten, Kirche, um einen neuen Knopf mit Wetterfahne und Schaft auf das Turmdach zu setzen.
Seitdem hat die Kleinleinunger Kirche die erste Hochzeit seit 25 Jahren gesehen. Die Eltern feierten Silberne Hochzeit und die Tochter grüne. Und eine Taufe durften wir dort auch miterleben.

Martin von Tours Wenige Jahre nach dem Mailänder Edikt von 316/17 (Anerkennung des Christentums als Staatsreligion) wurde Martin in Sabaria (heute Szombathely in Ungarn) geboren. Bald darauf zogen seine Eltern nach Pavia (Oberitalien). Martin wuchs in einer überwiegend heidnischen Umgebung auf. Mit fünfzehn Jahren trat er auf Wunsch seines Vaters in das kaiserliche Heer ein, drei Jahre später war er Offizier in der römischen Reiterei. Im Jahre 334 teilte er mit einem Bettler seinen Mantel. Diese Tat ist eine der Bekanntesten in der Geschichte um Martin. So wird er auch meistens als Soldat auf einem Pferd mit einem vor ihm knieenden/stehenden Bettler dargestellt.
Kurz nach dieser Tat der Barmherzigkeit ließ er sich taufen, verließ das Heer und ging zu Bischof Hilarius, der ihm die Weihen des Priesteramtes spendete. Auf der Insel Gallinara (Ligurien) erbaute er das Kloster Liguge. Im Jahre 371 wählte ihn der Klerus und das Volk zum Bischof. Auch als geistlicher Würdenträger lebte er bescheiden. Er gründete 375 das Kloster Marmoutier unweit von Tours, wo er lebte und den gallisch-fränkischen Raum zu einem religiösen, kulturellen und wissenschaftlichen Zentrum machte. Er starb am 8. November 397 in Candes an der Loire. Außer nebenstehender Darstellung ist sein Kennzeichen die Gans, welche ihn der Legende nach verraten haben soll, als er sich versteckt hatte, um der Einsetzung zum Bischof zu entgehen. Mit den heutigen Laternenumzügen am 11. November gedenken wir des heiligen Martin.

DIE ORGEL (Dr. Holger Brülls, 2005-08-22) Orgelbesichtigung am 19. Juli 2005, gemeinsam mir Frau Pfarrerin Vogel Kurzbegründung des Denkmalwertes Erbaut ca. 1820-30 von dem Orgelbauer Johann Andreas Scheidler aus Bennungen, 8 Register, ein Manual und Pedal, Schleifladen, mechanische Traktur, frontaler Spielschrank mit Inschrift des Erbauernamens, dreiachsiger Prospekt mit flachbogig vortretendem Mittelfeld und seitlichen Harfenfelder sowie Vasenbekrönung in klassizistischem Stil, technischer, klanglicher und architektonischer Aufbau des Instrumentes jedoch noch in der Tradition des spätbarocken Orgelbaus, bemerkenswert als Beispiel für das Wirken eines regional tätigen und traditionell orientierten Kleinmeisters des frühen 19. Jh., unspielbar, in sehr desolatem Zustand, aber weitgehend unverändert erhalten.

Disposition 2005

Manual C-c'''

Flöte 8'

Bordun 8'

Gambe 8'

Principal 4'

Octave 2'

Mixtur 3fach

Pedal C-d'

Subbass 16'

Octavbass 8'


Pedalkoppel


Zustand

Die Orgel, ursprünglich eindrucksvoll platziert auf dem zweiten Emporengeschoss unterhalb des hölzernen Tonnengewölbes, steht heute, nachdem der Kirche zu DDR-Zeiten eine Flachdecke auf dem Niveau der oberen Empore eingezogen wurde, unsichtbar und ungenutzt auf dem so entstandenen "Dachboden" der Kirche. Der Zustand des reizvollen Instrumentes ist schwer desolat und extrem verschmutzt. Es gibt Teilzerstörungen im Pfeifenwerk, in der technischen und klanglichen Originalsubstanz ist das Werk indes noch weitgehend unverfälscht erhalten. Das unterscheidet die Orgel von der größten bislang bekannten Scheidler-Orgel, die sich im benachbarten Hainrode befindet und die im Verlauf des 19. Jahrhundert erhebliche Veränderungen des Klanggefüges erfahren hat. Es handelt sich in Kleinleinungen wahrscheinlich um die in ihrer ursprünglichen Gestalt am besten erhaltene Orgel Scheidlers. Sie ist einer Restaurierung fähig und in jedem Fall auch würdig. Die Gesamtsituation von Kirchenraum und Orgel läßt es mit Blick auf die Abschnürung des Instrumentes vom Restraum erwägenswert erscheinen, für diese elegant proportionierte Orgel einen anderen Standort zu finden, evtl. als Chororgel in einer größeren Kirche. Da die Kleinleinunger Kirche im Zuge einer puristischen Instandsetzung der Nachkriegszeit ihr barockes Inventar eingebüßt hat, sind allerdings die doppelgeschossige Empore, das eindruckvoll hohe Tonnengewölbe und das schöne Orgelwerk die einzigen Relikte, die - denkt man die Flachdecke weg - immer noch ein eindrucksvolles Raumbild abgeben könnten. Die Orgelsituation in Kleinleinungen hat etwas von "Todesschlaf", so dass hierzu künftig Überlegungen angestellt werden sollten.